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So, nun schreib ich mal einen mehr oder weniger ausführlichen Bericht über den Klinikaufenthalt. Auf meiner Homepage findet man bald auch ein Kliniktagebuch, wer es lesen möchte, kann dies gerne auch tun.

Der folgende Bericht ist absolut subjektiv und spiegelt nur meine persönliche Erfahrung und Meinung wieder. Andere Patienten derselben Klinik können alles natürlich als völlig anders empfinden und andere Erlebnisse gemacht haben.  Achtung LANG! 😛

Ich war in Bad Kreuznach im St. Franziska-Stift (Psychosomatische Fachklinik) auf Station 4. Ich bekam von der Krankenkasse direkt 6 Wochen bewilligt, aber während meiner Zeit in der Klinik wurde der Aufenthalt auf 8 Wochen verlängert. Und ich bin ehrlich gesagt auch froh gewesen und habe mir die Verlängerung gewünscht. Die Zeit vergeht in der Klinik so wahnsinnig schnell und vieles bewegt sich erst nach ein paar Wochen, also reicht die Zeit gar nicht.

Angekommen in der Klinik bin ich am 18.Mai. Der erste Eindruck war sehr positiv. Das Personal war sehr freundlich und man wurde sehr nett empfangen. Mir war fast schlecht vor Nervosität und Aufregung. Die ersten beiden Tage waren sehr aufreibend und chaotisch. Es wurde einem die Klinik gezeigt, am ersten Tag war die Aufnahmeuntersuchung und das psychologische Aufnahmegespräch mit meiner Bezugstherapeutin für den Aufenthalt. Am nächsten Tag war dann Blutabnahme und ich bekam meinen Therapieplan. Auf den ersten Blick war er sehr verwirrend und vollgepackt und ich stellte überrascht fest, dass ich der Traumabewältigungsgruppe zugeordnet worden war. Zwar hatte meine Bezugstherapeutin im Aufnahmegespräch erwähnt, dass das gut passen könnte auf Grund meiner Lebensgeschichte, aber es klang doch eher zunächst nach Depressionsgruppe. Im Nachhinein bin ich froh, nicht in der Depressionsgruppe gewesen zu sein, denn damit hätte ich absolut nichts anfangen können. Bewältigung ist ja auch das, was ich mir gewünscht hatte.

Mein Therapieplan bestand aus jeweils 2x Basisgruppe, Traumagruppe, Gestalttherapie, Körpertherapie und Fertigkeitengruppe pro Woche und jeweils einmal Stationsaktivität und Stationssport pro Woche. Zusätzlich gab es noch einmal die Woche ein Einzelgespräch und das Wohlfühlpacket der Bäderabteilung, das bei mir aus Fango, Alphadyn (Elektromassage) und Sojabädern bestand.

Ich muss schon sagen, die Traumagruppe war hart. Zwar wurde nie explizit und detailliert auf traumatische Erfahrungen eingegangen, aber die Bearbeitung der Folgen hat schon gereicht. Und bei allen hat man auch so mitbekommen, was passiert war.

Bearbeitet wurde alles mittels schriftlicher Hausaufgaben, die man in der Gruppe vorlas (wenn man sich dazu bereit fühlte). Anschließend gab es Feedback von der Gruppe, also äußerten die anderen, was sie wahrgenommen hatten.

Es gab alle möglichen Traumata in der Gruppe. Missbrauch in der Kindheit, Vergewaltigung, alkoholkranke Eltern, Vernachlässigung, familiärer Psychoterror, Gewalt in der Familie etc. Wie gesagt, es war hart. Die Traumagruppe nahm mich immer ziemlich mit. Einmal war es sogar so, dass während und nach der Stunde in mir alter Hass und alte Wut, die ich bis dahin immer unterdrückt hatte, hochkochten. Und zwar so heftig, dass ich keine Kontrolle mehr darüber hatte. Die Gefühle überwältigten mich so sehr, dass ich nur noch weinte, keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und kurz davor stand mir den ganzen Körper zu zerschneiden oder schlimmeres zu tun. Also bekam ich ein flüssiges Beruhigungsmittel, welches auch Gott sei Dank relativ schnell wirkte. Ich fühlte mich benommen und wie besoffen davon, aber das war besser als der Zustand davor. Und ich hatte ja auch darum gebeten, weil ich absolut gar nicht mehr klarkam. Zum Glück blieb es nur bei dem einen Mal.

Die Fertigkeitengruppe war dazu da, diverse Fertigkeiten in den Bereichen Stresstoleranz, Selbstsicherheit, zwischenmenschliche Beziehungen, Umgang mit Gefühlen u.ä. zu erlernen. Vor allem im Bereich Stresstoleranz wurden Elemente aus der DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie für Borderline-Patienten) verwendet. Es hat natürlich nicht alles auf mich gepasst, weil ich nicht in allen Bereichen Probleme habe, aber ich habe mir das rausfiltern können, was mir etwas bringt.

In der Gestalttherapie wurde gemalt und mit Ton gearbeitet, je nachdem, wozu man gerade Lust hatte. Man hatte eine halbe Stunde Zeit zum Gestalten (wobei alles erlaubt war: Mit den Händen in den Farben matschen, aufs Papier spritzen, werfen und aus den Flaschen tropfen und laufen lassen, einfach alles) und anschließend gab es die Feedback-Runde. Wenn man wollte, konnte man sein Bild bzw. Werk anmelden und die anderen der Gruppe äußerten, was sie alles wahrnahmen in dem Bild. Der Sinn dahinter ist, dass man Gefühle, Gedanken und Erlebnisse mal anders als mit Worten ausdrückt. Oft kommen so auch unbewusste Dinge ans Tageslicht, da die Hände oft schneller sind als Gedanken und gesprochene Worte. Und ich habe es sehr oft erlebt, dass ein scheinbar einfaches Bild eine Welle von Emotionen auslöste.

In der Körpertherapie sollten wir lernen, unseren Körper wieder bewusster wahrzunehmen und auf seine Signale zu achten und zu hören. Dazu lagen wir mit geschlossenen Augen am Boden und führten unter Anleitung ganz langsame, sanfte Bewegungen aus. Währenddessen sollten wir darauf achten, was diese Bewegungen im Körper bewirkten. Ich empfand es als sehr entspannend und viele sind öfter während der Stunden eingeschlafen. *lach* Aber es war auch mal ok, vor allem als wir gezielt Übungen gegen Schlafstörungen machten.

Die Basisgruppe schließlich war für alle möglichen Themen gedacht. Wenn jemand ein Thema oder ein Problem hatte, das ihn oder sie beschäftigte, konnte sie/er dies in der Basisgruppe ansprechen und von den anderen Feedback, Meinungen, Tipps und Ratschläge bekommen. Wenn es mal vorkam, dass keiner ein Thema hatte, sprach die Therapeutin eins an, das dann bearbeitet wurde.

Insgesamt bewerte ich die Klinik als ziemlich gut (bis auf die medizinische Versorgung, aber dazu später). Es wird sehr viel Wert auf Selbstverantwortung gelegt und man ist sehr frei dort.

Es werden keine Sachen durchsucht, Ausgang hat man den ganzen Tag bis 22.30 Uhr und man muss sich nicht abmelden, wenn man in die Stadt geht. Es ist auch keine Pflicht, zu den Mahlzeiten zu gehen.

Selbst als ich mich selbst verletzt hatte, wurden mir keine Klingen weggenommen. Ich sollte eben eine Verhaltensanalyse schreiben, jedesmal wenn ich es getan hatte. Das tat ich dann auch, aber wenn ich keine Verhaltensanalyse geschrieben hätte, wäre es auch keinem aufgefallen, dass ich mich wieder geschnitten hatte.

Ich finde es sehr gut, dass dort kein Zwang herrscht. Es gibt natürlich Regeln, aber keine ist irgendwie absurd oder total sinnlos.

Die medizinische Versorgung ist allerdings ein fettes Minus. Wenn etwas nicht verordnet ist, und sei es nur eine Kopfschmerztablette, bekommt man es auch nicht. Das ist sehr schlecht, wenn man einmal in eine Krise fällt und eventuell ein Beruhigungsmittel bräuchte. Oder man eine Migräneattacke hat oder ähnliches. Für Notfälle im körperlichen Bereich ist die Klinik absolut nicht ausgerichtet. Zwar bekommt man gesagt, man solle zum Medizinischen Pflegezentrum (MPZ) gehen, wenn etwas ist, aber mehr als einen Tee und ein Coolpack bekommt man da auch nicht. Also muss man selbständig ins nächste Krankenhaus gehen, wenn die MPZ einen denn auch lässt. Ja, es kam auch schon vor, dass einem Patienten ans Herz gelegt wurde, doch an einem Sonntag nicht ins Krankenhaus zu gehen. Als er doch ging, stellte sich heraus, dass er kurz vor einer Blutvergiftung stand (wegen Flüssigkeit im Knie). Gegen sowas hilft nun mal leider kein Coolpack.

Ich bin wirklich froh, dass ich während des Aufenthaltes nie etwas wirklich ernstes körperliches hatte.

To be continued

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